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Weihnachten
Erzdiözese Wien/ Schönlaub, Stephan Schönlaub / Weihnachten
25.12.2025

Predigt am Christtag

Die Predigt des ernannten Erzbischofs Josef Grünwidl am Christtag dem 25. Dezember 2025 im Stephansdom:

Zu den Weihnachtsfeiertagen bringt uns die Kirche das Geheimnis der Menschwerdung Gottes aus verschiedenen Perspektiven nahe. In der Heiligen Nacht, bei der Christmette, war es die Weihnachtsbotschaft aus dem Lukasevangelium, vermutlich die berühmtesten 14 Verse des neuen Testaments: die Geburt des Erlösers in Bethlehem mit Hirten, Schafherden und Engeln.

 

Jetzt, bei Tageslicht, begegnet uns die Weihnachtsbotschaft nüchterner: Auf vielerlei Weise hat Gott zu den Menschen gesprochen, sagt der Hebräerbrief. Zuletzt hat er es durch seinen Sohn getan. In Jesus Christus hat Gott sich unüberbietbar mitgeteilt und uns alles gesagt, was für uns wichtig ist.

 

Das Evangelium vom Christtag geht noch einen Schritt weiter und sagt: Gott spricht nicht nur zu uns, sondern Gott ist von seinem Wesen her seit Ewigkeit ein Wort. „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“

Das heißt: Gott teilt sich mit, er geht aus sich heraus und ist Gemeinschaft – Vater, Sohn und Heiliger Geist – und er möchte auch mit seinen Geschöpfen ins Gespräch kommen. Gott tut das auf vielfältige Weise: in der leisen Stimme des Gewissens, in den Wundern der Schöpfung, im Wort der Heiligen Schrift, durch Begegnungen, im Staunen, Kunst, Musik, Stille, … Es gibt viele Möglichkeiten, wie Gott uns anreden und anrühren will.

 

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ So formuliert das Johannesevangelium die Weihnachtsbotschaft. Da hat ein großer Theologe alle Register seines Könnens gezogen und in einem kunstvoll komponierten Hymnus die Menschenwerdung Gottes verkündet. Das Wort ist Fleisch geworden - in Jesus Christus, im menschgewordenen Gottessohn, gipfelt die Offenbarung und Selbstmitteilung Gottes.

 

Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Menschen als religiös und gläubig bezeichnen. Das ist erfreulich und zeigt, dass es eine Sehnsucht nach Spiritualität gibt. Bei näherem Hinsehen entdeckt man allerdings oft eine diffuse Religiosität, die mit dem Gott der Bibel nur wenig zu tun hat.

 

 

 

Weihnachten sagt uns Wesentliches über das christliche Gottesbild. Weihnachten lässt Gott konkret werden und als Person ganz nahe kommen.

Auch wenn die Menschwerdung Gottes nicht in unser Schema vom allmächtigen, ewigen Gott passt: Lassen wir Gott Gott sein, machen wir ihn nicht so klein, bis er unseren Vorstellungen entspricht, gestehen wir Gott zu, dass er unseren begrenzten Horizont übersteigen kann:

dass der ewige Gott mit der Geburt Jesu in unsere Zeit eingetreten ist, um einen Neuanfang zu setzen;

dass der unsichtbare Gott sichtbar geworden ist, unsere menschliche Natur angenommen und unser Leben geteilt hat;

dass Gott ein Immanuel, ein Gott mit uns sein will, nahe und konkret.

 

Und die Inkarnation Gottes, die wir zu Weihnachten in der Geburt seines Sohnes feiern, schlägt Wellen und setzt sich fort: Gott ist wirklich gegenwärtig im Wort der Heiligen Schrift, Christus wirkt in den Sakramenten der Kirche, er ist dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, er begegnet uns in unseren notleidenden Schwestern und Brüdern.

 

Der christliche Glaube ist mehr als die diffuse Vermutung „irgendetwas“, eine Art „höheres Wesen“ wird es schon geben. Denn das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Damit ist aber noch nicht alles gesagt. Denn Weihnachten braucht Menschen, die das Wort hören und aufnehmen. Weihnachten braucht uns, um wirksam zu werden.

Weihnachtlich leben heißt: ich nehme an Jesus, dem menschgewordenen Gottessohn Maß. Ich werde ein Mensch nach seinem Vorbild.

Weihnachtlich leben bedeutet: Ich habe Grund zur Hoffnung und darf darauf vertrauen: Gott ist ein Immanuel, ein Gott mit uns. Gott hat in seinem Sohn unser Leben geteilt. Er ist uns nahe und begleitet uns von der Geburt bis zum Tod, und er öffnet uns die Tür zum ewigen Leben. Gott ist ein „Du“, er spricht uns an. Denn sein Wesen ist das Wort.

Und dieses Wort wartet auf unsere Antwort.