„Hello Didi“ – Ein Anruf von blinden Kindern

Ein Bericht von Veronika Kreyca und Peggy Gneist
 

 

Didi heißt „Große Schwester“ in der Hindi Sprache. Unzählige Male werden Peggy und ich mit „Hello Didi“ begrüßt: Von den blinden Mädchen, die am Campus von Jeevan Jyoti lernen und wohnen dürfen Wir, eine deutsche Innenarchitektin (31) und eine österreichische Theologin (25), durften vier Wochen lang bei dem Schulprojekt der Missionsschwestern „Königin der Apostel“ in Varanasi/Indien mitleben und mitarbeiten. Und uns als „Große Schwestern“ probieren.
 
Ihre Augen sind verschlossen und strahlen trotzdem. Die blinde Jyoti lacht mir ein „Thank you, Didi!“ ins Gesicht, als ich ihr einen Eisbecher in die Hand drücke. Ein anders Mal schälen wir zehn Kilo Mangos und mixen sie zu einem frischen Mangolasi. Und wieder bekommen wir ein lautstarkes „Thank you, Didi!“ – diesmal im Chor der fast 200 Mädchen, die sich zum Mangolasi-Trinken im Speisesaal versammelt haben. Jedes Mal, wenn wir draußen auf der Wiese einer Gruppe von Kindern begegnen, heißt es fröhlich und schon von fern: „Hello Didi!“
 
„Große Schwester“ sein

Diese Anrede, die die Mädchen zunächst einfach von den Ordensschwestern übernommen haben, bringt eine Realität zum Ausdruck: Wir, die Gäste, werden von den Kindern als große Schwestern gesehen. Wir sind älter, erwachsen, sie Kinder. Wir sehen, sie sind blind. Wir kommen aus dem – angeblich – „reichen Europa“, sie brauchen – angeblich – unsere Hilfe. Und wir? Wie erleben wir uns? Als Schwestern, ja. Aber als solche im familiären Sinn. Als Gemeinschaft, in der gerade wir Europäerinnen so viel von den blinden Mädchen und den indischen Ordensschwestern lernen können, ja an wahrem Reichtum geschenkt bekommen.

 
Es ist eine andere Welt, in die Peggy und ich in diesen vier Wochen in Jeevan Jyoti eintauchen. Eine Welt, in der ein Eisbecher noch wirklich ein Grund zur Freude ist. Eine Welt, in der Behinderung in weiten Teilen der Gesellschaft als Strafe Gottes gedeutet wird. In der die blinden Mädchen von ihren Eltern versteckt und von Ordensschwestern entdeckt und gefördert werden, eine Welt, in der Kinder motiviert die Bildung und Zuwendung annahmen, die sie erhalten. Und vor allem eine Welt lebendigen Ordenslebens, viele junge und ältere Schwestern gemeinsam, die authentisch ihren Glauben leben und aus dem Gebet die Kraft für ihre Arbeit schöpfen.
 
Eine Arbeit vollkommener Hingabe erleben wir, an die – biblisch gesprochen – Geringsten unter den Geschwistern: an die blinden Mädchen, an die Ärmsten der Armen, an Kranke, an Hilflose.

 

Viele Missionen, ein Auftrag

Unterschiedliche Missionen sind es, die wir mit den Schwestern erleben konnten. Neben der Blindenschule für Mädchen können Erwachsene, auf unterschiedliche Weise Behinderte, einen Beruf am Campus von Jeevan Jyoti erlernen und gesunde junge Menschen werden auf den Unterricht an Behinderten vorbereitet. Wir besuchten Nav Jeevan, eine Schule für gesunde Mädchen zwischen vier und zwölf Jahren: Wegen der Armut ihrer Eltern hätten sie nie Bildung erhalten. Wir verbrachten eine Nacht im Maria Mai Ashram, einem Ort der Stille, und des Rückzugs mitten im lärmenden Getriebe der Pilgerstadt Varanasi. In der Nähe der Blindenschule leiten die Schwestern ein Spital, in dem vor allem Neugeborene regelmäßig medizinische Versorgung erhalten. Und wir besuchten Theresapur, jenen Ort, an dem die Schwestern als erste Christen in Varanasi damals im Jahr 1927 mit ihrer Mission begannen.

 

Unglaublich, was die Schwestern seither mit so viel Liebe aufgebaut haben. Unglaublich, was an Neuem wächst: Eine Inklusive Schule zum Beispiel, am Campus von Jeevan Jyoti, in der blinde und gesunde Mädchen aus armen Familien gemeinsam unterrichtet werden sollen. Unglaublich auch, wie wichtig jede helfende Hand ist. Peggy’s und mein Auftrag war „Didi“ zu sein, eine große Schwester. Das möchten wir gerne bleiben: in der tatkräftigen Unterstützung und im Gebet verbunden.

 
Danke für diese tolle Erfahrung!