Meine Reise zu den Patenkindern

 

Immer schon hatte ich den Wunsch, unsere Patenkinder in der Jeevan jyoti-Schule zu besuchen. Ende Jänner 2013 war es doch tatsächlich soweit, dass ich mit Pascale, meiner Enkeltochter, die große Reise antreten konnte.

 

Willkommen

Unser Ziel in Indien war Varanasi, eine Stadt im nördlichen Teil Indiens, sie ist 780 km östlich von der Hauptstadt Delhi entfernt, liegt am Ganges und ist die heiligste Stadt der Hindus.

 

 

Nach 19 Stunden Reisezeit, davon warteten wir 10 Stunden auf unseren Anschlussflug, erreichten wir Varanasi. Am Vorplatz des Flughafengebäudes gab es die erste große Überraschung. Sr. Irene und einige Mitschwestern kamen uns entgegen und begrüßten uns sehr herzlich. Eine große Runde von Kindern der Jeevan Jyoti-Schule stand auch da und von allen Seiten erklang ein fröhliches „welcome“. Zugleich wurden wir mit Blumenkränzen aus gelben Mary-Goldblüten geschmückt.

 

Da wir schon Aufsehen erregten, zogen wir es vor, die Kinder in den Bus und wir in den Kleinbus einzusteigen um zur Jeevan Jyoti Schule zu fahren. Sie liegt ca. 10 km nördlich der City von Varanasi. Dazu brauchten wir aber ziemlich lange, denn die Fahrzeuge quälten sich durch dichtesten Verkehr über ziemlich schlechte Straßen, begleitet von ständigem Gehupe von allen Seiten.

 

 

Am Campus der Schule war dann der eigentliche Empfang. Wir wurden nochmals mit kunstvoll zusammengefügten Blumenkränzen beschenkt und nun konnten wir uns an den fröhlichen Willkommensliedern der Kinder erfreuen. Wir schüttelten ungefähr 200 Hände und nahmen ebenso viele persönliche welcome-Grüße entgegen. Pascale und ich waren sehr beeindruckt.

 

Wir verbrachten nun einige Tage im Konvent Jeevan Jyoti der Missionsschwestern der Kongregation Königin der Apostel. Das Mutterhaus der Schwesterngemeinschaft ist in Wien und von dort aus ist unser Kontakt von Bruno Heinisch und seiner Frau Resi, meinen Vorgängern, schon vor fast 40 Jahren geknüpft worden.

 

Die Schule

Die Schule mit allen Nebengebäuden und der Campus sind von einer hohen Mauer umgeben. Ein Torwächter sitzt beim Tor, er öffnet und schließt es. Kein unbefugter kann herein, niemand kann unerlaubt hinaus.

 

 

Wenn man das Gelände betritt, ist man sehr überrascht, denn man ist mitten im Grünen. Da gibt es wunderschöne, schlanke Ashoka-Bäume, etliche Mango- und Litschibäume und hübsche Blumenbeete. Vor allem ein riesengroßer Mangobaum zieht den Blick auf sich. In seinem Schatten wurden die ersten blinden Kinder unterrichtet.

 

Heute haben die Kinder ein schönes großes Schulhaus und sechs Schwestern erziehen ca. 120 Kinder. Die Kleinsten besuchen den Kindergarten. Nach sechs Monaten liebevolle Betreuung sind sie schon so tüchtig, dass sie kleine Gedichtchen aufsagen, Lieder singen und schon sehr geschickt mit ihren Steckspielen umgehen können. Viel mussten sie schon lernen: sich orientieren, waschen, anziehen, ihren Platz im Speisesaal oder ihr Bett im Schlafraum finden und noch Einiges mehr.

 

In der fünfklassigen Grundschule lernen sie bereits ab der zweiten Klasse neben allen anderen Hauptfächern auch Englisch. Dazu brauchen sie die Brailleschrift auch für beide Sprachen, Hindi und Englisch. Genau so intensiv arbeiten sie am Computer.

 

Im Hostel sind sie in großen Schlafräumen für je 20 Mädchen untergebracht. die Kindergartenkinder schlafen zu zweit in einem Bett. Das tut ihnen gut, lässt sie ihr manchmal sehr schweres Schicksal und ihr alleingelassen sein vergessen

 

 

 

Während des Tages...

Schon um fünf Uhr stehen alle auf. Um halb acht gibt es die erste Mahlzeit. Ein fester Getreidebrei mit Bohnen, gut gewürzt, das gibt eine gute Basis für den Tag. Natürlich wird mit den Fingern gegessen. Das ist auch bei den Erwachsenen in dieser Gegend so üblich. Es gibt 5-mal am Tag etwas zu essen und die Kinder sind gesund und wohlgenährt. Sie beten vor und nach dem Essen auch jedesmal für ihre Wohltäter.

 

Im übrigen sind sie sehr musikalisch. Sie singen gerne, spielen auf dem Harmonium und sind sehr ausdauernd beim Trommeln und Tableauspiel. Sie tanzen, haben Spaß an akrobatischen Kunststücken und spielen Theater. Auch konnte ich sie beim Mobilitätstraining mit dem Blindenstock beobachten.

 

 

 

Am Nachmittag sind die kleineren Kinder am Spielplatz. Da gibt es ein Klettergerüst und Schaukeln.

 

Da im Jänner die Nächte recht kalt sind, machte es den Kindern Spaß in der Sonne zu sein. Eine große Plastikplane wurde aufgebreitet, sie legten sich darauf und es wurde fröhlich drauflos geplaudert. Es kam mir vor, als wäre ich mitten in

einer großen Familie.

 

Die englischsprachige Inklusive-Schule für blinde und sehende Kinder - ein großer Erfolg für die Schwestern

Im Jahr 2011 Jahren konnten die Schwestern am Campus noch zusätzlich eine englischsprachige "Inklusiv-Schule" eröffnen. Bereits 360 Mädchen vom Kindergarten bis zur 12. Schulstufe werden von 25 Lehrern unterrichtet, davon ab der sechsten Schulstufe auch 27 blinde Mädchen.

 

Das diese Schule von den Eltern der sehenden Kinder so gut angenommen wurde, ist ein großer Erfolg für die Schwestern. Sie hoffen, dass sich im Laufe der Zeit die Einstellung der Gesellschaft zu behinderten Menschen doch etwas verändert. Alle können ja beobachten, dass blinde Kinder selbstständig, erfolgreich und fröhlich sind, also nicht dazu verdammt sein können, unglücklich zu sein und verachtet zu werden.

 

Auch habe ich die Studenten getroffen, die am Campus einen Lehrgang besuchen, in dem sie zu Blindenlehrern ausgebildet werden. Es hat mich gefreut wie offen und begeistert ihr Zugang zu blinden Kindern war und wie ernsthaft sie sich auf ihren Beruf vorbereiten.

 

 

Die Schwestern haben noch weitere wichtige Projekte, zum Beispiel eines für blinde Mädchen, die nicht so begabt sind. Sie lernen im Vocationszentrum an der Strickmaschine zu arbeiten oder aus Draht und buntem Plastik hübsche Blumen für Dekorationen zu formen.

 

 

Taubblinde / mehrfachbehinderte Kinder

Ein besonderes Projekt wurde erst vor kurzem ins Leben gerufen. Mit großem Einfühlungsvermögen bemühen sich zwei speziell ausgebildete Therapeuten um taubblinde oder mehrfachbehinderte Kinder. Erschütternd sind ihre Lebensgeschichten. Mit viel Geduld wird zum Beispiel einem taubblinden Mädchen, das jahrelang nur in einer Ecke gelegen ist, gezeigt, dass es sitzen, aufstehen und einige Schritte gehen kann.

 

Es hat mich sehr beeindruckt, wie unsichtig aufmerksam und kompetent die Schwestern die Schulen und die einzelnen Projekte leiten und wie aufgeschlossen und tatkräftig sie neuen Herausforderungen begegnen!

 

Treffen mit blinden Studenten

Vor meiner Abreise aus Indien habe ich noch gemeinsam mit zwei Schwestern die Studenten in Delhi besucht. Ich war sehr beeindruckt, wie selbstbewusst und souverän sie sich verhielten. Die jüngeren gehen noch auf ein College, denn erst nach dessen erfolgreichen Abschluss können sie die Universität besuchen. Andere Studenten erzählten, dass sie bei Wettbewerben als Beste hervorgingen und dies mit einem Preisgeld verbunden war, worüber sie überglücklich waren. Zwei Studenten erzählten mir mit Stolz, dass sie demnächst ihr "Doktor degree" erhalten werden.

 

Bemerkenswert für mich war auch, wie schwer ihnen das Abschiednehmen von den beiden Schwestern fiel. Es dauerte fast eine Stunde, bis sie sich endlich von ihnen trennen konnten.

 

Dies alles machte mich sehr nachdenklich....

Wie wäre das Leben dieser tüchtigen, erfolgreichen jungen Menschen gewesen, wenn sie nicht in die äußerst liebevolle Fürsorge und Obhut der Missionsschwestern gelangt wären? Sie haben nicht nur Erziehung und Bildung bekommen, sondern auch Heimat und eine liebevolle große Familie. Man spürt ganz stark - Gottes Segen ruht auf dem Wirken und Arbeiten der Missionsschwestern und es macht mich froh, dass wir durch unsere Patenschaften zu den guten Lebensaussichten der Kinder beitragen können.

 

- Irmgard Uhl -