„Mir fällt alles früher auf als Sehenden“
Seelsorge für Gehörlose und Blinde

In der Erzdiözese Wien gibt es spezielle Seelsorgeangebote für blinde und gehörlose Menschen.

Wenn man die Farben nicht mehr sieht und alles grau wird, dann ist die schönste Rose nicht mehr schön, es ist nicht mehr dasselbe, als wenn man die wunderschöne Blüte sieht, man konzentriert sich auf ihren Duft“, schildert Irmgard Uhl.

Ab ihrem 10. Lebensjahr war sie stark sehbehindert, später kam es zur völligen Erblindung. „Ich kann dunkel, hell und Licht, aber nicht den Menschen erkennen, da sehe ich  nur etwas Dunkles.“ Sie hat ihre Sinne so geschärft, dass sie vieles wahrnimmt und spürt. „Mir fällt alles früher auf, als den Sehenden“, erklärt sie. In ihrer Farberinnerung gehe vieles über Gerüche. Als Beispiel nennt Uhl: „Man kann die Farbe rot mit dem Geruch einer Tomate blinden Menschen vermitteln“.

Die Mutter von fünf Kindern leitet seit 2003 das Wiener Blindenapostolat.  „Jeden zweiten Dienstag im Monat gibt es spezielle Gottesdienste in der Deutschordenskirche“, erzählt die engagierte Katholikin. Der Besuch der Messe sei für viele blinde Menschen ein „schönes Geschenk“, besonders dann, so Uhl, „wenn Nachbarn oder Verwandte einen zum Gottesdienst mitnehmen“.

Eigene Lektoren, Kantoren und auch ein blinder Ministrant gestalten die von Ignaz Hochholzer vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder zelebrierte Messe mit. Uhls Engagement begann, als sie in ihrer Pfarre an einer Pilgerreise teilnehmen wollte: „Man sagte mir, das sei zu gefährlich, obwohl ich eine Begleitung hatte“. Seither organisiert sie auch spezielle Pilgerreisen für blinde Menschen, 2015 wird es nach Rom gehen.

 

„Ich hatte keine Ahnung von Gehörlosen“

Maria Schwendenwein arbeitet seit mehr als 50 Jahren mit gehörlosen Menschen. Zuerst im Schulunterricht, später in der Gehörlosenseelsorge. „Früher war das Wissen über Gehörlose wesentlich geringer, man hat sie sehr oft versteckt“, weiß die selbst Hörende aus der Anfangszeit. Mit zwei Gebärden fing Schwendenwein, die bis dahin keine Ahnung von Gehörlosigkeit hatte, an. Seither ist es ein Leben mit Gehörlosen  geworden. „Ich  habe  es  von  den Kindern und Erwachsenen gelernt“, schildert sie. Wesentlich sei der ununterbrochene Kontakt, um die Gebärden nicht zu vergessen.

Seit zwölf Jahren gibt es in der Erzdiözese Wien einen Gehörlosenseelsorger, den Trinitarierpater Alfred Zainzinger. Zwei Mal im Monat spezielle Gottesdienste in Wien, jew. am 2. Sonntag im Monat in der Kapuzinerkirche, jeden 4. So. in der Deutschordenskirche. Zainzinger übersetzt dabei das Evangelium in Gebärde. Arbeit mit Gehörlosen verlangt eine Vertrauensbasis, weiß Maria Schwendenwein. Aus der Mimik und dem Verhalten lesen diese Menschen viel heraus. „Wir arbeiten mit ihnen, wir arbeiten für sie, aber wir arbeiten nicht über ihnen. Das ist für jeden Menschen mit Behinderung wichtig.“

 

aus "Der Sonntag" vom 11.1.2015